Hinter den Kulissen: Marko und Kotori
Mit „Shift.er.s“ hat Choreograf Hugo Viera einen Ballettabend geschaffen, der Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert. Seit der Uraufführung in Krefeld wird das eindringliche Duett über Veränderung, Nähe und Transformation für seine Intensität und Ausdruckskraft gelobt. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Tänzer, die bislang vor allem als Ensemblemitglieder auf der Bühne standen: Kotori Sasago und Marko Matic.
Für „Shift.er.s“ schenkte Hugo Viera ihnen sein Vertrauen und entschied sich für sie als Erstbesetzung in seinem Stück. Eine besondere Herausforderung – und zugleich eine große Chance. Zum Start der Spielzeit 2026/2027 in Mönchengladbach haben wir mit den beiden über ihren Weg zur ersten Solistenrolle, die Zusammenarbeit mit Hugo Viera und die besondere Erfahrung gesprochen, ein ganzes Ballett zu zweit zu tragen.
In english
With Shift.er.s, choreographer Hugo Vieira has created a ballet evening that has captivated both audiences and critics alike. Since its premiere in Krefeld, the compelling duet exploring change, connection, and transformation has been praised for its intensity and emotional depth. At the heart of the piece are two dancers who had previously been seen primarily as members of the ensemble: Kotori Sasago and Marko Matic.
For Shift.er.s, Hugo Vieira placed his trust in them and cast them as the sole performers of the work. A unique challenge – and at the same time a remarkable opportunity. Ahead of the start of the 2026/2027 season in Mönchengladbach, we spoke with them about their journey to their first leading roles, their collaboration with Hugo Vieira, and the special experience of carrying an entire ballet evening together.
Als Hugo Viera euch die Hauptrollen in „Shift.er.s“ angeboten hat – was war euer erster Gedanke?
Marko
Die endgültige Vision von „Shift.er.s“ entstand tatsächlich erst während des kreativen Prozesses. Hugo erkannte, dass der wirkungsvollste Ansatz darin bestehen würde, die Geschichte mit nur zwei Tänzern zu erzählen, um die Veränderungen und Wandlungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erleben, bestmöglich einzufangen und zu interpretieren.
Als er mir mitteilte, dass ich einer dieser Tänzer sein würde, nahm ich die Nachricht mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Begeisterung auf. Es war eine unglaubliche Chance, aber auch eine große Verantwortung. Da ein großer Teil des Stücks um ein Duett herum aufgebaut ist, erforderte es während der gesamten Arbeit ständige Konzentration, Vertrauen und Rücksichtnahme gegenüber meiner Tanzpartnerin.
Zunächst war ich skeptisch, ob ich in der Lage sein würde, die Bühne mit genügend Präsenz, Energie und emotionaler Tiefe zu füllen, um das Publikum voll und ganz in den Bann zu ziehen und ihm etwas Bedeutungsvolles mit auf den Weg zu geben. Doch als die Premierenwoche näher rückte und wir begannen, das Stück auf die Bühne zu bringen, änderte sich etwas. Jede Bühnenprobe hatte ihren ganz eigenen Zauber. Mit jeder Durchlauf fühlte ich mich mehr mit dem Stück verbunden, und es gab Momente, in denen es sich so anfühlte, als wolle sich meine Seele aus meinem Körper befreien.
Kotori
Seine Entscheidung hat mich ziemlich überrascht. Nur wir beide auf einer großen Bühne – ich fragte mich, ob wir den Raum ausfüllen, die richtige Atmosphäre schaffen, die Qualität des Tanzes aufrechterhalten und das Publikum voll und ganz mitreißen könnten.
Zunächst verspürte ich einen gewissen Druck und eine gewisse Unsicherheit. Gleichzeitig war ich jedoch unglaublich dankbar, dass mir eine so bedeutende Herausforderung und Chance geboten wurde. Ich erinnere mich, dass ich sehr motiviert und entschlossen war, mein Allerbestes zu geben – nicht nur für das Ensemble, sondern auch für Hugo und seine Vision für das Stück.
In english
When Hugo Vieira offered you the leading roles in Shift.er.s, what was your first thought?
Marko
The final vision of Shift.er.s was actually born during the creative process. Hugo realized that, in order to best capture and interpret the shifts and transformations people experience throughout their lives, the strongest approach would be to tell the story through just two dancers.
When he told me that I would be one of those dancers, I received the news with a mixture of disbelief and excitement. It was an incredible opportunity, but also a great responsibility. Since a large part of the piece is built around a duet, it required constant focus, trust, and care for my dance partner throughout the entire work.
At first, I was skeptical about whether I would be able to fill the stage with enough presence, energy, and emotional depth to fully engage the audience and leave them with something meaningful to take home. But as premiere week approached and we began bringing the piece onto the stage, something changed. Every stage rehearsal had its own kind of magic. With each run, I felt more connected to the work, and there were moments when it felt as if my soul wanted to break free from my body.
Kotori
I was quite surprised by his decision. Just the two of us on a large stage—I wondered whether we would be able to fill the space, create the right atmosphere, maintain the quality of the dancing, and fully engage the audience.
At first, I felt a certain amount of pressure and uncertainty. At the same time, however, I was incredibly grateful to be given such a significant challenge and opportunity. I remember feeling very motivated and determined to give my absolute best—not only for the company, but also for Hugo and his vision for the work.
„Shift.er.s“ wird ausschließlich von euch beiden getanzt. Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Stück für zwei Personen von einer Produktion mit einem großen Ensemble?
Marko
In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich die Herangehensweise an die Arbeit und die Denkweise nicht wesentlich von der Arbeit in einem größeren Ensemble. Es sind dasselbe Maß an Hingabe, Disziplin und Engagement erforderlich. Da jedoch nur zwei Tänzer auf der Bühne stehen, ergeben sich ganz andere Herausforderungen.
In einem Ensemble-Stück entsteht ein Großteil der Kraft dadurch, dass sich die Gruppe präzise gemeinsam bewegt und als eine Einheit fungiert. Bei „Shift.er.s“ liegt der Fokus viel persönlicher und intimer. Wir hatten die Freiheit, mehr von uns selbst in das Stück einzubringen, und jede Interaktion zwischen uns wurde zu einem wichtigen Teil der Erzählung.
Da es nur zwei Darsteller gibt, sind Kommunikation und Vertrauen sowohl während des kreativen Prozesses als auch bei der Aufführung absolut unerlässlich. Wir mussten uns ständig aufeinander verlassen, nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch emotional, da die Beziehung zwischen den beiden Figuren im Mittelpunkt des Stücks steht.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass es keinen Ort gibt, an dem man sich verstecken kann. Jede Bewegung, jede Entscheidung und jeder Moment voller Energie ist für das Publikum sichtbar. Wenn einer von uns einen Fehler macht, kann dies größere Auswirkungen haben als in einer größeren Gruppe. Gleichzeitig können wir mit nur zwei Tänzern auf der Bühne schneller reagieren und uns anpassen, was es einfacher macht, uns gegenseitig zu unterstützen und den Ablauf der Aufführung natürlich fließen zu lassen.
Kotori
Bei der Darbietung eines Ensemblestücks liegt der Schwerpunkt stark darauf, Harmonie innerhalb der Gruppe zu schaffen und gleichzeitig die Qualität des eigenen Tanzes kontinuierlich zu verfeinern. Man ist sich stets bewusst, wie sich das Ensemble als Ganzes bewegt und wirkt.
In einem Duett hingegen richten sich alle Augen auf die beiden Tänzer. Natürlich bleibt die technische Qualität unerlässlich, doch sie allein reicht nicht aus. Wir mussten genau auf die Atmosphäre jeder Szene achten, auf die Dynamik und die Kontraste im gesamten Stück und – was in diesem Stück am wichtigsten war – darauf, wie authentisch wir Emotionen und Beziehungen auf der Bühne vermitteln konnten.
Sowohl Ensemblewerke als auch Duette bringen ihre eigenen Verantwortlichkeiten und Herausforderungen mit sich. Sie erfordern unterschiedliche Fähigkeiten und eine andere Art von Engagement, was jede Erfahrung einzigartig macht.
In english
Shift.er.s is performed exclusively by the two of you. How does working on a piece for just two dancers differ from performing in a production with a large ensemble?
Marko
In many ways, the approach to the work and the mindset are not so different from working in a larger ensemble. The same level of dedication, discipline, and commitment is required. However, being only two dancers on stage brings a very different set of challenges.
In an ensemble piece, a lot of the power comes from the group moving together with precision and functioning as one collective entity. In Shift.er.s, the focus is much more personal and intimate. We had the freedom to bring more of ourselves into the work, and every interaction between us became an important part of the storytelling.
Because there are only two performers, communication and trust are absolutely essential, both during the creative process and in performance. We had to rely on each other constantly, not only from a technical perspective but also emotionally, as the relationship between the two characters is at the heart of the piece.
Another significant difference is that there is nowhere to hide. Every movement, every decision, and every moment of energy is visible to the audience. If one of us makes a mistake, it can have a greater impact than it might in a larger group. At the same time, with only two dancers on stage, we can react and adapt more quickly, making it easier to support each other and keep the performance flowing naturally.
Kotori
When performing in an ensemble piece, there is a strong focus on creating harmony within the group while continuously refining the quality of your own dancing. You are always aware of how the ensemble moves and appears as a whole.
In a duet, however, all eyes are on the two performers. Of course, technical quality remains essential, but it is not enough on its own. We had to pay close attention to the atmosphere of each scene, the dynamics and contrasts throughout the work, and, most importantly in this piece, how authentically we could communicate emotions and relationships on stage.
Both ensemble works and duet pieces come with their own responsibilities and challenges. They require different skills and a different kind of commitment, which is what makes each experience unique.
Ihr kennt euch bereits aus der gemeinsamen Arbeit im Ensemble. Hat sich eure Beziehung als Tanzpartner für „Shift.er.s“ verändert?
Marko
Ich habe während des Entstehungsprozesses viel von Kotori gelernt. Ich habe ihre Arbeitsweise schon immer bewundert, insbesondere ihre Präzision, ihre Liebe zum Detail und die Art und Weise, wie sie Probleme angeht. Da wir so viel Zeit gemeinsam im Studio verbracht haben, hatte ich die Gelegenheit, diese Eigenschaften aus nächster Nähe zu beobachten und davon zu lernen.
Ich glaube, wir beide haben ein besseres Bewusstsein dafür entwickelt, wozu der andere fähig ist. Wenn man mit nur zwei Darstellern an einem Stück arbeitet, entwickelt man ganz natürlich ein tieferes Verständnis für die jeweiligen Stärken, Gewohnheiten und Arbeitsweisen des anderen.
Wir kannten uns zwar bereits als Kolleginnen aus dem Ensemble, aber „Shift.er.s“ gab uns die Gelegenheit, viel enger zusammenzuarbeiten. Diese Erfahrung hat unsere Partnerschaft gestärkt und ein Maß an Vertrauen geschaffen, das unerlässlich ist, wenn man ein Stück wie dieses gemeinsam auf die Bühne bringt.
Kotori
Es war tatsächlich das erste Mal, dass wir als Duettpartner so eng zusammengearbeitet haben. Während des gesamten kreativen Prozesses habe ich neue Seiten an ihm entdeckt, die ich zuvor noch nicht kannte. Seine Kreativität hat mich immer wieder inspiriert – er hat eine unglaubliche Fähigkeit, durch Bewegung Ideen zu entwickeln, und er bringt Qualitäten ins Studio ein, die sich sehr von meinen eigenen unterscheiden.
Während wir das Stück entwickelten, verbrachten wir viel Zeit damit, miteinander zu reden, Ideen auszutauschen und unsere Gefühle miteinander zu teilen. Ich glaube, dass diese Offenheit uns geholfen hat, etwas Ehrliches und Echtes zu schaffen, und letztendlich dazu beigetragen hat, dass sich das Stück auf der Bühne authentischer anfühlt.
Ich bin wirklich dankbar, dass er mein Partner bei diesem Projekt war. Die Zusammenarbeit mit ihm war eine ganz besondere Erfahrung, und ich hätte mir keinen besseren Menschen wünschen können, um diese Reise gemeinsam zu erleben.
In english
You already knew each other from working together in the ensemble. Has your relationship as dance partners changed through Shift.er.s?
Marko
I learned a lot from Kotori during the creation process. I’ve always admired her approach to work, especially her precision, attention to detail, and the way she approaches problem-solving. Spending so much time together in the studio gave me the chance to see those qualities up close and learn from them.
I think both of us became more aware of what the other is capable of as a dancer. When you work on a piece with only two performers, you naturally develop a deeper understanding of each other’s strengths, habits, and ways of working.
We already knew each other as colleagues from the ensemble, but Shift.er.s gave us the opportunity to work together much more closely. That experience strengthened our partnership and built a level of trust that is essential when carrying a piece like this together.
Kotori
This was actually our first time working so closely together as duet partners. Throughout the creative process, I discovered new sides of him that I hadn’t known before. I was constantly inspired by his creativity—he has an incredible ability to generate ideas through movement, and he brings qualities to the studio that are very different from my own.
As we developed the piece, we spent a lot of time talking, exchanging ideas, and sharing our emotions with one another. I believe that openness helped us create something honest and genuine, and ultimately contributed to making the work feel more authentic on stage.
I am truly grateful that he was my partner for this project. Working alongside him has been a very special experience, and I couldn’t have wished for a better person to share this journey with.
Fotonachweis:
- Stefano Vangelista
- Caterina Ferrari
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